„Wo Flexibilität wichtig ist, bleibt der Mensch gefragt.“ Prof. Dr. Thomas Bauernhansl über den aktuellen Stand der Automobilindustrie in der digitalen Transformation

Die Digitalisierung und Vernetzung der industriellen Produktion verändert Abläufe und Geschäftsmodelle von Grund auf. Paradebeispiel dafür ist die Automobilindustrie, die häufig bei neuen Technologien eine Vorreiterrolle einnimmt. Doch an welchem Punkt steht die Branche im digitalen Wandel aktuell? Antworten dazu gibt Prof. Dr. Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung, in unserem Interview.

Sie beschäftigen sich intensiv mit Produktionstechnik und Automatisierung. Was bedeutet der vieldiskutierte Begriff „Industrie 4.0“ für Sie?

Wir sprechen mittlerweile meist von der „digitalen Transformation“, um in den Vordergrund zu stellen, dass es ein Prozess ist, den wir durchlaufen. Wir haben heutzutage ganz neue Möglichkeiten in der Vernetzung und Kommunikation, vor allem durch das Internet. Es entstehen cyber-physische Systeme, die sowohl einen physischen als auch einen virtuellen Teil haben und diese in Echtzeit miteinander verschmelzen. Ich nehme hier gerne das Smartphone als Beispiel: Ohne App-Store, ohne Cloud-Plattformen im Hintergrund und ohne Konnektivität wäre es nutzlos. Auf der anderen Seite wäre das Smartphone auch ohne Sensorik, ohne Benutzerschnittstelle mit Spracherkennung und Touch-Screen nichts wert. Wenn man aber beides miteinander kombiniert, entsteht ein völlig neues System, das auch neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Wenn wir diese Logik auf die Industrie übertragen, bekommt man eine ungefähre Vorstellung, was Industrie 4.0 bewirken wird.

Wie sieht es allgemein mit der Umsetzung von Industrie 4.0 in Unternehmen aus?

Zu Beginn der 2010er Jahre waren die meisten Unternehmen skeptisch, ob Industrie 4.0 überhaupt für sie relevant ist. Dann haben viele angefangen, für Messen Anwendungsfälle aufzubauen, die hauptsächlich marketing-orientiert waren. Jetzt sehen wir mehr und mehr, dass Firmen nutzenorientiert denken und danach fragen, was ihnen das Thema bringt: Wo kann ich meine Kosten senken, wo kann ich meine Geschwindigkeit erhöhen? Unternehmen integrieren also die Möglichkeiten der Digitalisierung zunehmend in die eigene Geschäftsstrategie.

Wo ordnen Sie hier die Automobilindustrie ein?

In der Automobilindustrie war der Erfolg mit den alten Geschäftsmodellen so groß, dass man zunächst sehr träge auf die neuen technologischen Möglichkeiten reagiert hat. In den vergangenen zwei Jahren sind dann die Hersteller und auch die großen Zulieferer aktiv geworden, um jetzt endlich den Schritt in die digitalisierte Welt zu machen. Konzerne investieren Milliarden-Beträge in neue Dienstleistungen. Da werden wir sicher in den nächsten fünf Jahren massive Veränderungen sehen.

Welche Veränderungen erwarten Sie in der Automobilproduktion in den nächsten Jahren?

Wir haben zwei gegenläufige Trends, die sich in der Produktion treffen. Das eine sind Mobilitätsdienstleistungen in der Stadt mit elektrifizierten und in Zukunft wohl auch autonomen Fahrzeugen. Hier wird es aus meiner Sicht aus Kostengründen zunächst zu einer Standardisierung der Hardware kommen. Wenn Sie von einem selbstfahrenden Taxi abgeholt werden, dann ist Ihnen vermutlich egal, welche Farbe es hat. Sie wollen es als Fahrgast bequem haben und möchten vielleicht auch arbeiten können. Die Innenausstattung und angebotene Dienste spielen also eine große Rolle. Aber die physische Ausgestaltung geht wohl in Richtung des standardisierten Fahrzeugs. Zum anderen sehen wir einen starken Trend hin zur Personalisierung. Denn wenn es Ihr eigenes Fahrzeug ist, dann wollen Sie es so gestaltet haben, dass es zu Ihnen als Person passt. Diese beiden gegenläufigen Entwicklungen führen wahrscheinlich auch zu sehr unterschiedlichen Fabrik-Layouts.

Werden diese Fabriken weitgehend ohne Menschen funktionieren, so wie es uns die Medien vermitteln?

Überall dort, wo Flexibilität gefragt ist – wie in Fabriken für hoch personalisierte Produkte – stoßen Roboter und Automatisierung an ihre Grenzen. Hier wird der Mensch nach wie vor eine große Rolle spielen. Das ist wichtig, denn zum einen kann man den Kapazitäts und Kompetenzbedarf in einer Fabrik nicht vollständig vorhersehen. Außerdem muss man sehr flexibel auf neue Varianten und veränderliche Stückzahlen reagieren. Das werden Roboter alleine nicht abbilden können.

Im Gegensatz dazu wird alles, was standardisiert und kostengünstig umgesetzt werden kann, von Maschinen übernommen werden. Die aktive Gestaltung der Systeme muss aber nach wie vor der Mensch übernehmen. Darum sehe ich in den nächsten zehn Jahren keine menschenleeren Fabriken, in denen nur Roboter arbeiten. Die Aufgaben der Menschen innerhalb der Fabrik werden sich aber stark verändern. Der Mensch wird in erster Linie der Orchestrator, Systemgestalter und -optimierer sein. Er wird seine Kreativität, aber auch seine Fähigkeit, sich flexibel auf neue Situationen einstellen zu können und schnell dazuzulernen, einbringen. Diese Dinge kann der Mensch sehr gut – besser als Maschinen.

Zur Person:

Prof. Dr.-Ing. Thomas Bauernhansl ist seit September 2011 Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung und Leiter des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb der Universität Stuttgart.

Der Experte für Industrie 4.0 ist Mitglied im Strategiekreis der Plattform Industrie 4.0 der deutschen Bundesregierung. Bauernhansl ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, unter anderem zur Wandlungsfähigkeit in der Produktion, zum Management in der Produktion und zu Industrie 4.0.

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